Br. Franz Stüken OMI

geboren: 13.04.1906 in Küntrop
Erste Gelübde: 21.11.1931 in Burlo
Ewige Gelübde: 21.11.1937 in St. Karl
gestorben: 12.08.1994 in Hünfeld

Ein Denkmal ist gefallen, so könnte man den Tod von Franz Stüken aus Gelsenkirchner Sicht umschreiben. 34 Jahre hat Br. Franz treu seinen Dienst in unserem Kloster in Gelsenkirchen erfüllt. Er gehörte zum Haus wie die Bäume im Park und die Glocke auf dem Hausdach, die er täglich dreimal mit der Hand läutete. Eine Schulrektorin in den Vierzigern sagte, als sie vom Tod von Br. Franz hörte: “Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Br. Franz nicht mehr da ist. Denn wenn ich als Kind am Klostergarten vorbeiging, dann hieß es schon: Der Mann, der im Garten arbeitet, das ist der Br. Franz. Und das blieb über Jahrzehnte immer dasselbe. Im Garten konnte man immer Br. Franz sehen.“

Ja, dem Garten galt seine ganze Liebe, und seine Lebenskraft setzte er dafür ein. Er kannte die Blumen und Pflanzen, verstand die Abläufe der Natur im jahreszeitlichen Wechsel, er mähte den Rasen, entfernte das Laub im Herbst und hatte großen Erfolg im Nutzgarten. Radieschen und Rettiche gediehen prächtig, und frischen Salat gab es bis weit in den Herbst hinein. Die klostereigenen Kartoffeln schmeckten natürlich besser als die gekauften. Das spricht für die einfühlsame Geschicklichkeit von Franz Stüken. Denn er hatte Gärtner nie gelernt. In seinem Leben spiegelt sich die Polarität seiner sauerländischen Heimat wieder. Mitten in herrlicher Landschaft und Natur pulsiert die Metallindustrie. Eingezwängt in enge Täler findet sich eine mittelständische eisenverarbeitende Fabrik neben der anderen. In diese heimische Industrie hinein führte zunächst sein Arbeitsweg. Franz wurde am 13. April 1906 als Sohn von Josefine Stüken, geb. Wortmann, und Bernhard Stüken in Kintrop bei Arnsberg geboren. Über seine Kindheit und Jugend in der kinderreichen Familie ist wenig zu finden. Von 1912 bis 1920 besuchte er die Volksschule in Werdohl und von 1920 - 23 die Berufsschule ebenfalls in Werdohl.
Er arbeitete als Schleifer und Walzer, was dazu führte, dass er in seinen letzten Lebensjahren von den jüngeren Mitbrüden scherzhaft als sauerländischer Drahtzieher bezeichnet wurde. Obwohl er als Arbeiter seinen Mann stand, hat ihn diese Lebensform nicht wirklich befriedigt. Seine tiefe Religiosität ließ den Wunsch wachsen, sich ganz Gott zur Verfügung zu stellen und als Ordensmann Christus zu dienen. Am 23. April 1930 trat er in Burlo bei den Oblaten ein und wurde hier im Postulat zuerst in der Landwirtschaft eingesetzt. Nach dem Noviziat in Burlo legte er dort am 21. November 1931 seine ersten Gelübde ab. Im Februar 1932 erhielt Franz seine Obedienz nach St. Karl im niederländischen Valkenburg. Hier war er, wie auch im Nikolauskloster, zu dem er von 1945 bis 1960 gehörte, als “Hausbruder“ eingesetzt.

Zwischendurch aber wurde Franz aus seiner geliebten Lebensform zwangsweise herausgerissen: vom 1. August 1942 bis zum Ende des unseligen Krieges 1945 musste er seinen Wehrdienst ableisten. Dabei brachte er es bis zum Gefreiten. In der Soldatenzeit schrieb er ausführliche Briefe an den Provinzial. Diese Briefe zeigen deutlich, was in Franz vorging: Er erkundigt sich nach anderen Oblaten, erzählt davon, dass er die Hl.Messe besucht, wann es nur möglich ist, dass man beim Wacheschieben, z.B. in Rotterdam, bestens Rosenkranz beten kann, dass dabei die Wachzeit auch viel schneller vorübergeht. Er fragt besorgt danach, ob Klöster Bombenschäden haben, und wenn es ihm möglich war, suchte er
Oblatenhäuser auf. Auch als Soldat war er zuerst Oblate und Ordensmann. Er ersehnte den Frieden und schrieb 1945: “Ich habe die liebe Gottesmutter gebeten, sie möge uns bald wieder in die Stille des Klosters führen und uns unserem geliebten Berufe nach leben lassen“. Die Briefe sind ein Zeugnis für das “sentire cum congregatione“ des Franz Stüken. In der Chronik des Hauses Gelsenkirchen findet sich unter dem 2. Mai 1960 der Eintrag: “Auch der Br.Nöhles wurde ausgetauscht. Er musste in die Brüderkommunität nach Schiefbahn und an seine Stelle kam Bruder Stüken vom Nikolauskloster als Faktotum ins Klösterchen, besonders als Gärtner. Er hat gleich die mächtigen Bäume vor Kirche und Haus stark beschnitten, um Licht und Luft hereinzulassen.“

Damit begann die über 30-jährige Tätigkeit als Gärtner. Die zweite Domäne für Franz wurde die Sakristei. Hier hielt er nicht nur alles fest und gut in seiner Hand, sondern er fand auch immer Zeit, um sich in die Kirche zu setzen und zu beten.

Im Jahre 1964 begannen die Bauarbeiten für den Um- und Neubau des Klosters. Dabei muss sich Br. Franz wohl übernommen haben, jedenfalls fand man ihn am 24. Mai 1964 neben seinem Bett im Blute liegend. Der Arzt stellte ein Magenbluten fest, das zu ernsten Sorgen Anlass gab, und überwies ihn sofort ins Krankenhaus. Es sah so schlecht aus, dass man die sechs Geschwister rief, die alle sofort kamen. Gott sei Dank, diese Krise hat er gut überstanden. Zu seinen Geschwistern hatte er immer eine gute Beziehung, besonders zu seinen drei ledigen Schwestern, die heute noch leben. Bei ihnen in Werdohl verbrachte er seinen Urlaub und ließ sich dort gerne verwöhnen. Des öfteren aber fuhren sie auch gemeinsam nach Kloster Maria Engelport zur Förderer-Freizeit.

Wenn Br. Franz krank wurde, dann immer so, dass er sofort ins Krankenhaus musste. 1971 brach er sich eine Rippe, was zu Lungenblutungen führte. Auch später musste er öfters ins Krankenhaus wegen Nasenblutens, ausgelöst durch das Platzen von Äderchen in den Bronchien. Im Marienhospital war er Stammgast, man kannte ihn dort als geduldigen Patienten.

Franz erlangte in Gelsenkirchen eine gewisse Publicity, nicht zuletzt durch die Presse. Regelmäßig brachten die Lokalzeitungen - meist in der vorweihnachtlichen Zeit - einen Bericht über den einzigen Glöckner von Gelsenkirchen. Unser Glöcklein muss von Hand geläutet werden. Die Zeitungsphotos zeigten dann Br. Franz in Soutane, wie er fast ekstatisch verklärt am Glockenseil zieht.

Auch in einer anderen Begebenheit erlangte er von der Presse veröffentlichten Lokalruhm: Am 2. Dezember 1974 entdeckte er im Garten eine Bombe. Als alter Soldat erkannte er sofort die gefährliche Situation und veranlasste die Polizei zum Handeln.

Franz war ein stiller, ernsthafter Mensch, der immer zufrieden wirkte und ein inneres Frohsein ausstrahlte. Das stellte schon der Superior in St. Karl fest, als er die einstimmige Zulassung zu den ewigen Gelübden mitteilte. Seine Spiritualität und seine geregelte Lebensweise waren sicherlich die Ursache für dieses glaubwürdige und überzeugende Ordensleben. Jeder Tag hatte denselben Ablauf: Gebet, Messe, Gartenarbeit, Mittagspause, Gartenarbeit und wieder Gebet. Er war ein frommer Mann und verbrachte Stunden in der Kapelle, vor allem sonntags. Er verehrte die Gottesmutter sehr und vertraute sich ihr immer wieder an. Gerne betete er den Rosenkranz, auch als Vorbeter für eine Gruppe von Gläubigen, die jeden Abend zum Rosenkranz ins Klösterchen kommen. Ohne Übertreibung kann man sagen: Franz war der große Beter der Gelsenkirchner Kommunität.

Dabei war er kein weltfremder Frömmler. Er war bis zu seinem Ende geistig hell wach, er interessierte sich für alle Vorgänge in der Welt, der Kirche und der Politik. Er hatte auch seinen eigenen Willen. Den konnte man spüren, wenn man sich in seine Bereiche einmischte. Im Garten musste es so zugehen, wie Franz es seit Jahrzehnten machte. Am Sonntag durfte nur ein bestimmtes Geschirr benutzt werden und wehe, wenn ein Zelebrant am Werktag ein Sonntagsmessgewand anziehen wollte. Da kam der westfälisch-sauerländische Dickkopf durchaus zum Tragen. Aber dabei wurde Franz nie laut oder giftig. Wenn es nicht nach seinem Kopf ging, dann sackte er in sich zusammen, neigte den Kopf und stöhnte leise. Meistens setzte er sich damit durch, denn wer wollte schon dem guten und lieben Franz Qualen und seelische Leiden zufügen...

Er war sehr bescheiden. Außer seinem Urlaub in Werdohl oder Engelport und ab und zu einer Kur in Krumbad wegen seines Rheumas war er immer im Haus. Aber er hatte auch seine Hobbies und seine kleinen Freuden, die er genießen konnte und die ihm das Leben auf ihre Weise lebenswert machten. Bis es ihm wegen seiner Bronchitis verboten wurde, rauchte er gerne sein Pfeifchen; im Garten war es sein treuer Begleiter. An Feiertagen genehmigte er sich eine gute Zigarre. Am Abend schaute er sich gerne einen guten Film an, besonders einen Krimi, und genoss dabei ein Fläschchen Altbier. Begeistert hing er dem Fußball an und versäumte keine Länderspielübertragung. In früheren Zeiten angelte er gerne, bewährte sich als Imker und aß gerne Honig, aber nicht jeden. Ein alter Freund aus der Nähe des Nikolausklosters schickte ihm große Mengen Honig von einer Sorte, die Franz besonders gern mochte. Von irgendeinem Zeitpunkt an verzichtete Br. Stüken auf Fleisch und Eier. Er ernährte sich von Brei, Brot und Fisch. So war es nicht immer leicht, etwas für ihn zu finden, wenn Feiertage ins Haus standen. Aber mit Kartoffeln und Eintopf und Suppen konnte man ihn gut durchbringen. In einem Punkt versagte der sonst hilfsbereite Franz die Kooperation. Es war bekannt, dass er das technische Know-how besaß, um Schnaps zu brennen. In schlechten Zeiten praktizierte er das im Nikolauskloster. Immer wieder mal, spätestens wenn die Bäume voller Birnen hingen, kam die Aufforderung: Mensch, Franz, du könntest doch Birnenschnaps brennen. Viel kann dir dabei nicht passieren, du bist ja nicht mehr haftfähig. Aber Bruder Franz schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. Gewissen und Gesetz standen gegen ein solches Ansinnen.

Bis ins Frühjahr 1994 hinein wirkte Br. Franz, altersbedingt zwar langsamer, aber immer noch im Garten und in der Sakristei. Im März bekam er starke Blutungen im Blasenbereich. Im Krankenhaus lehnte man eine Prostata-Operation wegen des schlechten Allgemeinzustandes ab. Br. Franz erhielt einen Katheder durch die Bauchdecke, der bleiben musste. Auf die Frage des Superiors, ob Franz bei guter Pflege und Ruhe noch zwei Jahre leben könne, antwortete der Professor mit einem klaren Nein. Br. Stüken war polymorbid. Die Altersschwäche zeigte sich in allen Bereichen. Seine Lebenskraft war verbraucht. So kam Br. Franz als Pflegefall ins Kloster zurück. Der ambulante Pflegedienst der Caritas half für eine Übergangszeit. In dieser Zeit zeigte sich, dass die in Gelsenkirchen mögliche Pflege nicht ausreichte, um dem Zustand von Br. Stüken gerecht zu werden. Einmal fiel er nachts aus dem Bett und lag bis zum Morgen auf dem Boden. Dann stürzte er am Tage und brach sich drei Rippen. Nach Konsultation dreier Ärzte und nach langen Überlegungen wurde der schwere Entschluss gefasst, Franz nach Hünfeld zu bringen. Am 8. Juni 1994 fuhr P. Hans Löhr Br. Franz nach Hünfeld. Die Kommunität stand am Auto und winkte zum Abschied. Die feuchten Augen bei Franz und den Mitbrüdern
machten deutlich, wie einschneidend und schwerwiegend dieser Vorgang war. Dass Br. Franz dann so schnell sterben sollte, hatte doch niemand geglaubt. So ist Franz Stücken nicht gestorben, weil er nach Hünfeld kam, sondern er kam nach Hünfeld, weil sein Leben auf das Ende zuging. Auf der Pflegestation in Hünfeld wurde Franz von den Mitbrüdern und dem Pflegepersonal bestens versorgt und begleitet. Am 12. August schloss Franz nach einem erfüllten und vorbildlichen Ordensleben für immer die Augen. Am 16. August 1994 wurde er auf dem Hünfelder Klosterfriedhof zu Grabe getragen. Bei Gott hat er nun seine endgültige Heimat gefunden.

Im Rückblick sei noch dankbar vermerkt, dass wir am 20. November 1991 das 60-jährige Ordensjubiläumvon Br. Stüken ganz groß gefeiert haben. Wir mussten im Kettelerhaus der Bulmker Pfarrei Zuflucht suchen, um die vielen Gäste aus den Nachbarklöstern und die Verwandten aus dem Sauerland bewirten zu können. Dieses schöne Jubiläum wurde für Franz das letzte Fest auf dieser Erde. Gott, lass unseren guten Bruder Franz leben in deinem ewigen Frieden.

 

R.I.P.



Gelsenkirchen, im Januar 1995
P. Rudolf Welscher OMI