22. Mai

Das Herz des Stifters (1861)

Eugen von Mazenod empfand immer eine große väterliche Zuneigung zu seinen Oblaten. Er spricht in seinen Briefen oft von der Liebe, die er für jeden Oblaten empfindet: „Ich liebe meine Söhne unermesslich mehr als irgendeine menschliche Person sie lieben könnte. Das ist eine Gabe, die ich von Gott empfangen habe und für die ich ihm unaufhörlich danke.“ Den Grund für diese große Liebe sieht er darin, dass Gott ihm „das Herz einer Mutter gegeben hat“. Weil er seine Oblaten liebt, leidet Eugen darunter, wenn ein Oblate stirbt oder die Kongregation verlässt. Er schreibt: „Ich bezahle das Glück euch zu lieben bitter.“
Als Zeichen seiner Liebe, die über den Tod hinausreicht, möchte Eugen den Oblaten sein Herz vermachen. In einem Brief an P. Faraud in Kanada lesen wir: „Mit wie viel Freude würde ich euch alle an mein Herz drücken. Ihr würdet mich noch voll hingebender Liebe finden, die ich euch schenke, und die mich bis zum Grab begleiten wird. Dorthin wird sie aber nicht mit meinen sterblichen Resten hinabsteigen, da sie meiner Seele vor Gott folgen muss.“ So verfügt er in seinem Testament, dass nach seinem Tod sein Herz in zwei Teile geteilt werden soll. Ein Teil soll im Heiligtum Notre-Dame de la Garde „zu Füßen meiner Guten Mutter“, das andere im Scholastikat von Montolivet „inmitten meiner Kinder“ verbleiben.
Am Tag nach dem Tod des Stifters wurde dem Leichnam das Herz entnommen und in zwei Teile geteilt, die zunächst von den Patres Fabre und Tempier aufbewahrt wurden. Als 1862 die Generalverwaltung aufgrund der Konflikte mit Eugens Nachfolger als Bischof von Marseille, Bischof Cruice, nach Paris umzog, nahmen sie eine der beiden Herzreliquien mit. Die Reliquie blieb im Generalhaus, auch bei dessen Verlegung nach Liège und nach Rom, wo sie sich heute noch befindet. Teile davon befinden sich heute im italienischen Scholastikat in Vermicino, in San Antonio / Texas und im polnischen Scholastikat in Obra. Die Reliquie, die für Montolivet bestimmt war, begleitete das französische Scholastikat auf seinen zahlreichen Stationen in Frankreich, Irland, Holland und Belgien. Auch diese Reliquie wurde weiter geteilt. Heute befindet sich ein Teil davon in Aix-en-Provence. Ein anderer Teil befand sich in der Kirche der Oblaten in Montreal, von wo das Reliquiar allerdings gestohlen wurde und bisher nicht wieder aufgefunden werden konnte.


Quellen:
Dictionnaire Historique des Missionaires Oblats de Marie Immaculée, Bd. I, Rom 2004, Artikel: Cœur de Fondateur, S. 196-198.
Études oblates, 13 (1954), S. 261-286.
Vie oblate life, 44 (1985), S. 201-218.
Vie oblate life, 55 (1996), S. 145-157.